Mein MacBook steht zwischen ein paar Umzugskartons, die Wohnung wird von Tag zu Tag leerer, und in exakt 18 Tagen melde ich mich offiziell aus Österreich ab.
Kein Sicherheitsnetz mehr, keine feste Wohnung, keine laufenden Fixkosten für ein Zuhause, das im Hintergrund auf mich wartet, während ich auf der anderen Seite der Welt bin.
In knapp drei Wochen steige ich wieder ins Flugzeug. Das Reiseziel? Ich werde digitaler Nomade. Das Ziel dahinter ist maximale Flexibilität und echte Ortsunabhängigkeit als Unternehmer.
Zum 3. Mal nach Südostasien – aber diesmal setze ich noch einen drauf
Hier in Österreich klopft der kalte Winter bereits an, daher geht es für mich wieder nach Südostasien. Das ist mittlerweile mein drittes Mal in dieser Region. Letzten Winter war ich dort knapp sechs Monate am Stück unterwegs. Das war damals mein längster Aufenthalt überhaupt. Es war schon damals eine komplett neue Erfahrung für mich, so lange weg zu sein.
Diesmal setze ich allerdings noch einen drauf.
Es ist anders, und es fühlt sich auch komplett anders an als meine vorherigen Reisen. Der entscheidende Unterschied: Ich kehre nach ein paar Monaten eben nicht wieder in meine gewohnte Wohnung und meine alten Abläufe zurück. Ich kann es gar nicht, weil ich diesen Ankerpunkt jetzt ganz bewusst auflöse.
Warum sich alles noch so surreal anfühlt
Obwohl die Wohnung mit jedem Umzugskarton, der durch die Tür getragen wird, spürbar leerer wird, fühlt sich das Ganze im Moment überhaupt noch nicht real an.
Vielleicht liegt es daran, dass ich eben immer noch hier sitze. Die Wände sind noch dieselben, der Schlüsselbund in meiner Tasche passt auch noch ins Schloss. Der wahre Grund für dieses surreale Gefühl ist aber ein anderer: Ich funktioniere gerade im reinen Autopiloten.
Mein Kopf ist völlig eingenommen von endlosen To-do-Listen. Wer sein Leben in Österreich komplett auflöst, hat ordentlich was abzuarbeiten: Wohnung ausräumen, Sachen verkaufen, das Auto abmelden, Rechnungsadressen für das Business umschreiben, Bankkonten und Versicherungen wechseln und unzählige Abos kündigen. Gleichzeitig läuft mein Webdesign-Tagesgeschäft weiter. Und ganz nebenbei möchte ich in diesen letzten Wochen natürlich noch Familie und Freunde besuchen, bevor ich für längere Zeit wieder weg bin. Die Zeit wird immer knapper.
Man organisiert und funktioniert einfach. Genau deswegen ist wahrscheinlich noch gar nicht richtig bei mir angekommen, was hier in wenigen Tagen eigentlich passiert.
Nicht einfach auswandern: Blindes Vertrauen statt Masterplan
Wenn man erzählt, dass man Österreich verlässt, haben die meisten sofort das klassische Bild vom Auswandern im Kopf: Man packt seine Sachen, zieht in ein anderes Land, meldet sich dort an und richtet sich die nächste fixe Bleibe ein.
Mein Plan sieht anders aus. Ich melde mich hier ab, aber nirgendwo sofort wieder fest an. Ich werde ein so genanntet Digitaler Nomade.
Das erste Ziel steht zwar fest: Bangkok. Aber ganz ehrlich? Bis auf eine Unterkunft für die allerersten paar Tage habe ich für die Zeit dort noch absolut nichts geplant oder gebucht. Alles, was nach der Ankunft in Asien passiert, blende ich momentan noch komplett aus. Das liegt nicht an Nachlässigkeit, sondern an einem tiefen Vertrauen in den Prozess.
Ich kenne Bangkok bereits gut, ich weiß, wie es ist, dort zu leben und zu arbeiten. Ich weiß, dass sich der Alltag und die Routinen vor Ort von ganz allein einspielen werden. Deshalb verschwende ich jetzt keine Energie an Dinge, die ohnehin erst vor Ort relevant werden, wenn ich mit meinem Laptop im Coworking Space oder Café sitze.
Der Bruch mit dem inneren Sicherheitsmenschen
Dass ich so gelassen an diese Reise herangehe, ist für mich selbst eigentlich die größte Überraschung. Tief in mir drinnen bin (oder war) ich nämlich immer stark Sicherheits-geprägt.
Ich bin jemand, der in der Vergangenheit oft viel zu lange über einfache Entscheidungen nachgedacht hat, weil im Hinterkopf immer dieses ausgeprägte Sicherheitsdenken mitgelaufen ist. Was ist, wenn das passiert? Was wäre, wenn ich das so mache? Alles musste im Vorfeld abgewogen werden.
Und jetzt? Jetzt breche ich aus diesem Muster komplett aus. Ich hab nicht nur meine sichere Wohnung verkauft, ich kappe das vertraute Sicherheitsnetz.
Natürlich frage ich mich manchmal, wie das sein wird. Was passiert, wenn ich in ein paar Monaten in einem fremden Apartment sitze und mich nicht hundertprozentig wohlfühle? Werde ich meine ruhige Wohnung in Österreich vermissen? Werde ich die Entscheidung hinterfragen? Vermutlich ja.
Aber ich glaube, dass wir Wohlbefinden oft schlichtweg mit Gewohnheit verwechseln. Der Mensch ist ein absolutes Gewohnheitstier. Wir gewöhnen uns an alles. Selbst an die negativen Aspekte unseres Alltags, die wir irgendwann gar nicht mehr wahrnehmen. Genauso blind werden wir aber auch für das Positive. Meistens schätzt man die Dinge erst dann wieder richtig, wenn man sie längere Zeit nicht hat.
Leben verlagern statt Flucht vor dem Winter
Schon letztes Jahr habe ich es genau so gemacht: Ich habe die kalte Jahreszeit in Österreich gegen die Wärme Südostasiens getauscht, um dort zu überwintern. Und genau dort, während dieser Zeit, ist eigentlich die Idee entstanden, dass ich das jetzt jeden Winter so machen möchte (mehr über das Warum und Wie auch in diesem Artikel).
Dabei bin ich ironischerweise ein totaler Fan vom österreichischen Klima im Frühling. Wenn nach den kalten Monaten diese ersten paar Tage anbrechen, an denen es spürbar wärmer wird, man zum ersten Mal ohne Jacke rausgehen kann, es aber weder zu heiß noch zu kalt ist. Das ist exakt mein Wetter. Trotzdem fliege ich nun bald nach Bangkok, wo es so etwas wie unseren Frühling gar nicht gibt und das Thermometer fast permanent um die 30 Grad kreist.
Früher, als ich im Winter in Länder gereist bin, in denen es wärmer ist, als in Österreich, habe ich gesagt „Ich fliehe vor dem kalten Winter.“ Heute sehe ich das etwas anders. Ich fliehe nicht. Ich verlagere mein Leben und mein Business für diese Zeit lediglich an einen anderen Ort. Es ist eine bewusste Entscheidung für ein anderes Setup, das mir über die dunklen Monate mehr Energie gibt.
Der wahre Preis der Freiheit: Raus aus der Komfortzone
Von überall aus arbeiten zu können, klingt immer so cool. Social Media erzeugt gerne das Bild, dass ortsunabhängiges Arbeiten ein permanenter Urlaub mit Laptop am Pool sei.
Wer aber eigene Kundenprojekte steuert, weiß: Dahinter steckt deutlich mehr. Wenn man irgendwo lebt und arbeitet, ist es kein Dauerurlaub. Man muss sich den Alltag an neuen Orten organisieren, fokussiert Deadlines einhalten und die Disziplin aufbringen, sich an den Schreibtisch zu setzen, während draußen eine fremde Metropole pulsiert oder der Strand ruft.
Dazu kommt ein Aspekt, der auf Instagram gerne verschwiegen wird: Wer die Komfortzone verlässt, muss lernen zu verzichten. Einerseits erhält man unglaublich viel zurück. Wenn man alte Strukturen aufbricht und sich in neue Umgebungen wagt, wächst man enorm – persönlich und als Unternehmer. Das ist das Schöne an diesem Schritt. Gleichzeitig muss ich mich für die nächste Zeit von vielen Dingen trennen, die ich hier zu Hause extrem geschätzt habe.
Manche Leidenschaften passen nicht ins Handgepäck
Gewisse Hobbys, die man sich über Jahre aufgebaut hat, kann man nicht einfach mitnehmen. In meinem Fall ist das der Motorsport. Ich habe hier in Österreich meinen über Jahre aufgebauten Rennwagen, meine kleine Hobby-Werkstatt, das ganze Werkzeug und Ersatzteile etc. Das ist nichts, was man mal eben nach Südostasien verlagert. Dieser ganze Teil meines Lebens, den ich über Jahre mit viel Leidenschaft aufgebaut habe, ist jetzt erst einmal pausiert. So etwas loszulassen, erfordert echte Überwindung.
Die Distanz zum sozialen Umfeld
Das Zweite, was schwer ins Gewicht fällt, ist das soziale Umfeld. Wenn man tausende Kilometer entfernt ist, verpasst man das echte Leben zu Hause. Man ist bei Geburtstagen nicht dabei, man verpasst Familienereignisse, Feiertage oder einfach die spontanen Feierabendbiere mit guten Freunden. Man ist oft nur noch digital zugeschaltet. Das ist die ungeschönte Wahrheit. Es ist der Preis, den man für diesen angestrebten Lifestyle eines Digitalen Nomaden zahlt, und das ist schlichtweg Part of the Game.
Die leise Ungewissheit im Hintergrund
Auch wenn ich stark im Vertrauen bin, gibt es sie natürlich: die leisen, pragmatischen Sorgen im Hintergrund. Die Ungewissheit macht mir keine handfeste Angst, aber sie wirft Fragen auf.
Ein Beispiel ist die Auslandskrankenversicherung. Ich bin zwar in Zukunft weltweit abgesichert, aber ich habe eben noch keine eigenen Erfahrungswerte. Wie reibungslos funktioniert das wirklich, wenn man im Ausland spontan zum Zahnarzt muss? Bekommt man die Kosten problemlos erstattet? Was passiert in einem echten Notfall, wenn man alleine am anderen Ende der Welt ist und womöglich Sprachbarrieren dazukommen?
Klar, das sind absolute Ausnahmeszenarien, aber dennoch spielt das leicht im Hintergrund mit.
Ich vertraue darauf, dass sich im Fall der Fälle alles lösen lässt. Aber dieses leichte Unbehagen schwingt eben immer leise mit. Wo enorme Vorteile und Freiheiten sind, gibt es unweigerlich auch Nachteile.
Am Ende geht es aber genau darum: Das Vertraute loszulassen, um Neues zu entdecken, frische Erfahrungen zu machen und an den Herausforderungen zu wachsen.
Ich werde wahrscheinlich erst in dem Moment realisieren, was ich da gerade wirklich tue, wenn ich im Flugzeug sitze und die Räder abheben.
Und genau darauf freue ich mich.
